Eine Muttertagsgeschichte

Mein 70. Geburtstag war gekommen. Mutters Wunsch: "Ich brauche keine tollen Geschenke-Ich möchte etwas Schönes mit euch gemeinsam erleben“, war aufgenommen worden. In der Blattzeit sollte es nach Thüringen gehen. Vier gemeinsame Jagdtage mit meinem großen Sohn lockten, eingeschlossen der Abschuss eines guten Bockes.
Das war eine Überraschung nach meinem Herzen!
Zwar kenne ich Thüringen recht gut von mehreren (meist Jagd-) Aufenthalten, aber dies Gegend im Nordosten des Landes an der Grenze zu Sachsen-Anhalt war mir noch nicht bekannt. Das Revier liegt bei Auerstedt und besteht fast ausschließlich aus riesigen Getreideschlägen, die sich in die hügelige Landschaft schmiegen, nur manchmal unterbrochen von Hecken, die den Feldrand säumen.
Nach der herzlichen Begrüßung und der Einweisung ins Revier wurde uns ein Teil desselben zugewiesen, den wir frei, ohne Führung bejagen durften. Für den ersten Abend empfahl uns der Jagdführer eine offene Kanzel an einem riesigen Weizenschlag. Hier wäre letztes Jahr immer ein guter alter Bock gegangen. Das hörte sich vielversprechend an, denn reif sollte der Bock schon sein, den ich erlegen wollte.
Ich folgte dieser Empfehlung gern, zumal der Sitz an einer landschaftlich etwas abwechslungsreichen Stelle stand. Ein Sandweg, rechts und links von einer Hecke begrenzt führte direkt dorthin und lief dann nach Osten als Graspfad weiter bis zu einem kleinen Wäldchen. Nach Norden dehnten sich bis zum Horizont riesige Getreidefelder. Im Süden gleich hinter dem Weg lag eine Wiese. Der Blick dorthin war mir aber durch die Hecke versperrt. Auch nach Westen, also die Richtung, von der ich gekommen war, konnte ich durch die hohe Heckenbepflanzung nicht schauen.
Aber erst musste ich mich ja überhaupt mal da oben einrichten. Die "komfortable" Sitzgelegenheit bestand aus einem langen Brett, welches auf zwei Leisten verschiebbar war. Nun stellte sich die Frage: Bequem mit dem Rücken an die Bretterwand des Sitzes lehnen, dann Gewehrauflage an der gegenüberliegenden Seite etwa 1,20m-1,50m entfernt oder ohne Rückenlehne in Schießposition nach vorn unbequem hocken oder rittlings auf dem Brett sitzen mit Blick aufs Feld und das Wäldchen (auch nicht längere Zeit durchzuhalten.) Ich entschied mich für bequem.
Aber wie sollte man in diesem Ährenmeer ein Reh entdecken? Nach einer Weile machte ich jedoch schwarze Flecken aus, die immer mal wieder verschwanden. Durchs Fernglas konnte sehen, dass es Lauscher oder gar mal ein Reh Haupt waren. An Schießen war nicht zu denken, zumal ich die Entfernungshinweise des Jagdführers mitberücksichtigte. Keins dieser Rehe war näher als 250m.
Da nahm ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung auf der rechten Seite wahr. Zwei Rehe sprangen aus dem Weizenschlag, überfielen den Grasweg und verschwanden rechts in dem Wald. Sofort hatte ich das Glas am Kopf und versuchte sie wiederzufinden. Schon der kurze Blick hatte mir gezeigt, dass eins der Rehe ein Bock mit mächtigem Gebäude war, der hoch aufhatte. Da blitzte es wieder rot. In rasender Jagd trieb der Bock die Ricke durch den lichten Wald auf die Wiese nach unten ins Tal. Dieses sehr kurze Intermezzo reichte für mich aber aus - Diesen Bock wollte ich!
Der nächste Morgen sah mich wieder auf diesem Sitz. Nun denke man nicht, vor Tag und Tau hätte ich mich dort eingefunden. Ich bin Verfechter von Morgenansitz "light". 6 Uhr in der Frühe ist schon ganz schön früh! Aber das Rehwild stand in den Feldern und ließ seine Anwesenheit nur ahnen. Nach dem Frühstück folgte nun der weitere ganz wichtige Bestandteil eines gelungenen Jagdurlaubs in Thüringen. Jetzt kam das Kulturprogramm. Für den heutigen Tag hatten wir uns einen Ausflug zur Kaiserpfalz Memleben vorgenommen. Dieser Ort vermittelt einen Eindruck von der Bedeutung dieser Pfalz im Mittelalter. Hier starben im 10.Jahrhundert König Heinrich I. und sein Sohn Otto I. In das Gefühl von Ehrfurcht vor unserer deutschen Geschichte mischte sich das sehr gegenwärtige Empfinden von körperlichem Unwohlsein. Bei der Versenkung in die Vergangenheit hatten wir gar nicht bemerkt, wie sich die hochsommerliche Hitze in drückende Schwüle verwandelt hatte. Hoffentlich würden die angekündigten Gewitter nicht heute Abend kommen. Es war Zeit die Rückfahrt anzutreten. Schon auf dem Weg sahen wir, wie der Himmel sich verdunkelte, und als wir in Bad Sulza waren, ging ein wahrer Monsunregen nieder, sodass innerhalb von Minuten die Straßen 10-15cm hoch unter Wasser standen. Beherzt preschte mein Sohn mit dem Wagen durch die Fluten. Und wirklich, als wir unsere Wohnung erreichten, hörten Regen und Gewitter auf. Das warengünstige Bedingungen für den Ansitz. Eilig machten wir uns auf ins Revier, um noch vor den Rehen draußen zu sein

Mein Sohn brachte mich bis in die Nähe meines Sitzes. Wenn du mich brauchst, rufst du an, sagte er noch, bevor er wendete. Hoffnungsvoll richtete ich mich ein. Es war alles nass auf dem Sitz. Aber mein gutes Sitzkissen schützte die Kehrseite, und wenn es schlimmer käme, wäre da noch die bewährte Lodenkotze in meinem Rucksack. Auf dem Feld standen die Ähren trotz des heftigen Regens aufrecht. Die dunklen Punkte im Getreide nahm ich nun auch schon ohne Fernglas wahr. Allein das würde mich nicht zum Erfolg führen. Ich hatte bei Sondierung des Geländes festgestellt, dass es im gesamten riesigen Weizenschlag nur eine Schussmöglichkeit gab. Mitten im Acker stand ein hoher Mast. Darum herum war eine kleine Freifläche nur von höherem Gras bewachsen. Wenn es ein Reh nach diesem sicher besonders köstlichen Gras gelüsten würde, dann...ja dann kriegte ich eine Chance. Während ich mit solcherlei Wunschdenken beschäftigt war, entging mir doch eine Bewegung rechts von mir nicht. Das war er, dem meine Nachstellung galt. Der Bock war aus dem Wald in den Weizen gewechselt. Ich konnte das Haupt über den Ähren erkennen. Das Gehörn konnte ich nicht genau ansprechen. Hoch über Lauscher hatte er auf und recht dicke Stangen. Mir war das präzise genug. Inzwischen war es ziemlich dunkel geworden, dicke Regentropfen fielen. In der Ferne grummelte es. Diese Wettererscheinungen nahm ich gar nicht wahr. Ich musste mich konzentrieren um "meinen" Bock nicht aus den Augen zu verlieren. An den wellenartigen Bewegungen im Getreide konnte ich sehen, dass es sich um zwei Rehe handelte. Der Bock stand also noch bei seiner Ricke, und sie bewegten sich in Richtung Mast. Inzwischen vibrierte das Handy in meiner Hosentasche. Eigentlich wollte ich es ignorieren, aber mein Sohn hätte es weiter versucht. Also flüsterte ich:( wäre nichtig nötig gewesen, die Rehe waren wohl 100m entfernt!)"Hab den Bock vor „und beendete das Telefonat.
Inzwischen hatte ich mir die Lodenkotze übergehängt und auch Gewehr und Zielfernrohr damit bedeckt. Wieder nahm ich das Fernglas und suchte nach den Rehen. Sie waren verschwunden! Sie würden sich doch nicht niedergetan haben! Ich war enttäuscht. Dann gibt das heute wohl nichts mehr, dachte ich, ließ die Augen aber dennoch
übers Gelände schweifen. Da-eine Bewegung! Die beiden waren schon schneller weitergezogen als ich gemeint hatte. Und wirklich-sie bewegten sich in Richtung des freien Fleckes. Jetzt hieß es bereit zu sein. Ich ging in Anschlag. Wie duster es plötzlich war! Und plötzlich begann auch noch der Hochsitz zu wackeln. Das konnte ich mir überhaupt nicht erklären. Ein Blick zurück zum Einstieg gab Auskunft. Erst ein Schirm, dann der ganze Mann darunter, mein Sohn. Davon konnte ich mich aber nun nicht ablenken lassen. „Dort am Mast", zeigte ich ihm und blickte ich konzentriert wieder durchs Zielfernrohr. Jetzt sah ich sie ganz nah an dem Wunschort. Ob der Weizen rund um diese Stelle wohl niedriger war? Jedenfalls konnte ich durch die Ähren den starken Wildkörper des Bockes erkennen und auch den schwächeren des weiblichen Stückes. Was war das? Die Ricke preschte auf einmal voran, über die freie Fläche und war auf der anderen Seite wieder im hohen Getreide. Wenn der Bock ihr nun nachsprang, wäre die Chance hin. Da kam er heraus. Ich war zwar auf dem Bock, aber er zog zügig voran. „Heiliger Hubertus, lass ihn wenigstens kurz verhoffen! „Und wirklich, als wollte er einen
Moment Widerstand gegen die mächtigen Triebe zeigen, zögerte er und verharrte jetzt auf der Stelle. Schon war die Kugel aus dem Lauf. Geblendet vom Mündungsfeuer rief ich: Liegt er? „Waidmannsheil!" brüllte mein Sohn. Nun erst konnte die spitzweg-würdige Szenerie aufnehmen. Mein lieber Sohn hatte Mutter und Gewehr (wichtiger!) vor dem Regen geschützt, mindestens 15 Minuten. Ich hatte weder mitbekommen, dass es inzwischen stark zu regnen begonnen hatte, noch dass es heftig gewitterte.
Mein Sohn dagegen blickte von seinem Sitz nach Westen, sah wie der Himmel sich gefährlich dunkelviolett färbte und die Blitze über Auerstedt in schneller Folge zuckten, gefolgt von rasch hintereinander dröhnendem Donner. Da beschloss er Mutter zu retten. In meiner hochkonzentrierten Aufmerksamkeit auf die jagdliche Situation hatte ich davon
nichts wahrgenommen. Aber jetzt war Eile geboten. Mein Sohn machte sich sofort daran, den Bock zu bergen. Mit großen Schritten durchpflügte er den Weizen und war bald am Mast. Das war doch mal eine Landmarke in der riesigen Ährenfläche! Ich folgte seinen Bewegungen mit dem Glas. Jetzt beugte er sich nach unten und machte ein Siegeszeichen in meine Richtung. Endlich war er bei mir unter dem Sitz mit "meinem" Bock, jetzt konnte ich ihn in Besitz nehmen.
Mein Sohn nahm mich in die Arme, überreichte mir meinen Bruch, und gemeinsamen freuten wir uns über diesen Rehbock der Superlative. Sicher gibt es Böcke mit stärkeren Trophäen selbst in diesem Revier, ältere aber wohl nur selten, die noch ein so gutes Gehörn haben. Der Bock brachte mehr als 20 kg auf die Waage, hat ein Gehörn Gewicht von ca.285 Gramm, ist mindestens 7 Jahre alt, wurde im Gewitter auf eine Entfernung von ungefähr 180m geschossen und lag am Platz. Dieser Platz verdient auch eine besondere historische Erwähnung. Der Bock starb nämlich auf dem Schlachtfeld von Jena/Auerstedt, wo am 14.Oktober 1806 Napoleon den Preussen eine verheerende Niederlage bescherte. Und das allerbeste an diesem Jagderlebnis ist die Tatsache, dass Mutter es gemeinsam mit ihrem Sohn genießen konnte.
Aus diesem Grund ist es nicht nur eine Jagdgeschichte, sondern eine Muttertags Geschichte, denn Muttertag kann jeder beliebige Tag sein, an dem zu spüren ist, dass Mutter geschätzt, geliebt und verwöhnt wird.

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